Neoliberalismus an der Kippe
Die Welt meinte es nicht gut mit dem Neoliberalismus, dieser Wundertüte an Konzepten, die auf der fundamentalistischen Vorstellung beruhen, dass die Märkte sich selbst regulieren, Ressourcen effizient verteilen und den Interessen der Öffentlichkeit dienen. Dieser Marktfundamentalismus bildete die Grundlage von Thatcherismus, Reaganomics und dem sogenannten „Washington-Konsens“ . Forciert wurden Privatisierung, Liberalisierung und unabhängige Zentralbanken, die sich unbeirrbar auf die Inflation konzentrieren.
Mehr als ein Vierteljahrhundert lang gab es einen Wettbewerb unter den Entwicklungsländern und die Verlierer stehen fest: Länder, die einen neoliberalen Kurs verfolgten, verloren nicht nur ihre Wachstumsgewinne und wenn sie Wachstum verzeichnen konnten, flossen die Gewinne in unverhältnismäßiger Weise den Eliten zu. Schwer zu erkennen sind jedoch etwaige Vorteile im Hinblick auf die massive Fehlverteilung von Ressourcen im Immobilienbereich. Neu errichtete Häuser für amerikanische Familien, die sich das eigentlich nicht leisten konnten, werden demoliert und ausgeweidet, nachdem Millionen Familien gezwungen waren, ihre Häuser zu verlassen. In manchen Regionen ist die Regierung letztendlich eingesprungen – um die Reste zu beseitigen. In anderen Gegenden greift die Plage weiter um sich. So stehen jetzt selbst solide amerikanische Bürger, die umsichtig Geld aufnahmen und ihre Häuser instand hielten, vor der Situation, dass der Markt den Wert ihrer Häuser in einem Ausmaß verringerte, mit dem sie in ihren schlimmsten Albträumen nicht gerechnet hatten.
Natürlich gab es auch manch kurzfristigen Nutzen dieser übermäßigen Immobilien-Investitionen: Manche Amerikaner genossen (manchmal vielleicht nur für ein paar Monate) die Annehmlichkeiten des Hausbesitzes und des Lebens in einem größeren Heim, als sie es andernfalls gehabt hätten. Aber zu welchem Preis für sie selbst und für die Weltwirtschaft! Millionen Menschen werden mit dem Verlust ihrer Häuser auch ihre Lebensersparnisse verlieren. Und die Zwangsversteigerungen haben zu einer weltweiten wirtschaftlichen Abschwächung geführt. Über die weiteren Aussichten herrscht zunehmend Einigkeit: Dieser Abschwung wird anhaltend und umfassend ausfallen.
Ebenso wenig haben uns die Märkte entsprechend auf galoppierende Öl- und Lebensmittelpreise vorbereitet. Natürlich ist keiner dieser Sektoren ein Beispiel für freie Marktwirtschaft, aber das ist teilweise auch wieder der Punkt: Die Rhetorik vom freien Markt wird selektiv angewandt – hervorgehoben, wenn er speziellen Interessen dient, und verworfen, wenn dies nicht der Fall ist. Auf der ganzen Welt ist die Wut spürbar. Wenig überraschend richtet sich der Zorn in nicht geringem Maße auf die Spekulanten.
Das kolossal schlechte Risikomanagement der US-Banken hatte weltweite Folgen, während die Manager dieser Institutionen sich mit Abfindungen in der Höhe von Milliarden Dollar verabschiedeten. Heute gibt es ein Ungleichgewicht zwischen sozialen und privaten Erträgen. Werden diese einander nicht angeglichen, kann das Marktsystem nicht gut funktionieren. (©Project Syndicate 2007. Übersetzung: Anke Püttmann; DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20.7.2008)